Mit dem lauten Lesen beginnt das Lesenlernen in der Grundschule. Nach der Ausbildung der basalen Lesekompetenzen wird dann im Laufe der Schulzeit mehr und mehr leise gelesen. Aus dieser Abfolge könnte man schließen, dass das laute Lesen nur als Übergangskompetenz eine Rolle spielt. Tatsächlich bleibt es eine grundlegende und unverzichtbare Lern- und Verstehensform für Leselernprozesse während der gesamten Schulzeit. Dennoch fehlt noch immer eine Didaktik des verstehenden Laut- und Vorlesens für die Primar- und Sekundarstufe. Ein Grund für dieses Defizit ist die durchgehende Orientierung der Lesedidaktik an kognitionspsychologischen Modellen, die den Leseprozess in eine hierarchiehohe und eine hierarchieniedrige Ebene unterteilen und damit eine prinzipielle Trennung zwischen phonologischer und semantischer Verarbeitung postulieren. In dem Forschungsprojekt wird dagegen erstens von der Hypothese ausgegangen, dass das Leseverständnis von der Artikulationsleistung in keiner Phase und auf keiner Ebene des Leseprozesses zu trennen ist, zweitens, dass sowohl das laute als auch das leise Lesen eine Sprechleistung impliziert, von deren Qualität der Verstehensertrag maßgeblich abhängt, und drittens dass die methodische Annäherung von Sprech- und Leseartikulation daher für die Ausbildung der höheren Lesekompetenzen unverzichtbar sind. Ziel des Projekts, das unter anderem auf der Ergebnissen der empirischen Studie von Inga Rottinghaus (2025) beruht, ist die Entwicklung von Übungsmaterialien und die Publikation eines Lehrbuchs zum Sprechlesen für die Leseförderung in der Sekundarstufe I.
Ergebnis:
Inga Rottinghaus-Höfer (i. Ersch): Lernpotenziale prosodischer Leseförderung - Theoretische Grundlagen und empirische Erkenntnisse. Bielefeld: wbv
Hans Lösener (i. Ersch.): Artikulieren, um zu verstehen. Sprechlesen im Literaturunterricht. In: Martina von Heynitz / Marco Magirius / Daniel Scherf / Michael Steinmetz (Hg.): Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Literaturunterricht der Sekundarstufe I (neu denken). Weinheim: Beltz. (Ersch. 2025)
Hans Lösener (i. Ersch.): Sprechlesen. Lernpotenziale einer mündlichen Schriftpraxis. In: Ulrike Behrens / Judith Kreuz / Marco Magirius (Hg.): Quer durch alle Kompetenzbereiche: Potenziale mündlicher Kommunikation. Sprachlich-Literarisches Lernen und Deutschdidaktik (SLLD-B). (Ersch. 2025)
Hans Lösener (2019): Pourquoi tout comprendre c’est tout prononcer. La lecture à haute voix dans l’enseignement. Übersetzung ins Französische von Daniel Delbrassine. In: Didactiques en pratique, H. 5, 2019, S. 63–70. Online unter <https://www.cifen.uliege.be/cms/c_11711527/fr/cifen-revue-didactiques-en-pratique-et-revue-puzzle>
Projekt-ID:1104 • Ausrichtung: national • Kostenstelle: 102010 Fak. 2 • Deutsch (mit Sprecherziehung)Erfasst von Lösener, Hans(Prof. Dr. habil.) am 11.10.25