Bildung für nachhaltige Entwicklung zwischen politischer Erwartung und schulischer Praxis
Education for Sustainable Development between political expectations and school practice
Projektdauer:
14.07.16 bis 14.07.22
Kurzinhalt:
In meiner Dissertation zu dem Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung zwischen politischer Erwartung und schulischer Praxis habe ich eine qualitativ-rekonstruktive Studie mit Lehrkräften durchgeführt, um herauszufinden wie die Umsetzung von Nachhaltigkeitsthemen im Schulalltag aussieht. Für die Studie habe ich 20 Gruppendiskussionen mit insgesamt 74 Lehrkräften von sämtlichen allgemeinbildenden Schultypen geführt. Die methodologische Grundlage der Arbeit basiert auf der Wissenssoziologie nach Karl Mannheim und die methodische Durchführung und Analyse wurde mit Hilfe der Dokumentarischen Methode durchgeführt. Die Gruppendiskussionen wurden vollständig transkribiert und anhand der verschiedenen Interpretationsschritte der Dokumentarischen Methode ausgewertet. Die vorgenommenen Rekonstruktionen wurden regelmäßig in verschiedenen Forschungswerkstätten und auf Tagungen präsentiert und diskutiert.
Das primäre Ziel der empirischen Studie der Arbeit war zu verstehen, wie BNE im schulischen Alltag bearbeitet und thematisiert wird, d.h. welche zentralen Orientierungen sich bei den interviewten Lehrkräften hinsichtlich einer Umsetzung von Nachhaltigkeitsthemen oder einer BNE im Schulalltag rekonstruieren lassen. Die Frage ist, welche Orientierungen als implizite Wissensformen die Handlungspraxis der Lehrkräfte bestimmen bzw. wie über die eigene Handlungspraxis gesprochen wird.
Ergebnis:
Die Ergebnisdarstellung basiert auf einer rekonstruierten Typologie, die eine abstrahierende Verdichtung der Fallrekonstruktionen ist. Die Typologie zeigt die zentralen rekonstruierten Orientierungen der Lehrkräfte, wie sie sich mit Nachhaltigkeitsthemen in ihren jeweiligen Schulen auseinandersetzen. Im Material zeigt sich, dass die Auseinandersetzung oder Thematisierung von Nachhaltigkeitsthemen im schulischen Alltag primär auf eine zusätzliche und freiwillige Tätigkeit der Lehrer*innen zurückzuführen ist. BNE oder Nachhaltigkeitsthemen in der Schule zu vermitteln, hängt aus Perspektive der Lehrer*innen (neben einer Ebene des Wissens und der Fachlichkeit) insbesondere von persönlichen Einstellungen, Wertevorstellungen und vom Interesse an den Themen ab. Als Kontrastierung dazu dienen die Geografie-Lehrer*innen, die Nachhaltigkeitsthemen im Unterricht verortet sehen, aber durch die Einführung des aktuellen Bildungsplans (und die daran anschließende Kürzung von Geografiestunden) schlechter unterrichten bzw. realisieren können. Auffällig ist, dass angenommen wird, dass Nachhaltigkeit nur bestimmte höher gestellte oder akademische soziale Schichten interessiert und nur von höheren Schichten als relevant erachtet wird. Die Lehrkräfte antizipieren mit anderen Worten ein schichtspezifisches Bewusstsein für Nachhaltigkeit als spezifische Einstellung, das nicht für alle Schichten gleichermaßen zugänglich ist. Dieses Nachhaltigkeitsbewusstsein, das sich in Anlehnung an das empirische Material insbesondere als Umweltbewusstsein betiteln lässt, schlägt sich im Falle der interessierten und engagierten Lehrkräfte nicht nur in ihrer professionellen Tätigkeit als Lehrer*in nieder, sondern prägt sie als ganze Personen: Nachhaltigkeit ist als Einstellung in den individuellen Lebensstil integriert, was sich wiederum auf die professionelle Rolle auswirkt.
Als Fazit kann festgehalten werden, dass die programmatische Benennung und diesbezügliche Prominenz einer BNE mit dem Engagement der Interviewten nicht in Verbindung steht. Ihr Engagement war vor der Implementation von BNE als Leitperspektive schon vorhanden. Diese Prominenz wird entweder als Nachteil wahrgenommen (da im Rahmen des aktuellen baden-württembergischeren Bildungsplans dem Fach Geografie Stunden gekürzt wurden) oder sie wird als gute Legitimationsgrundlage gegenüber weniger Interessierten und weniger Engagierten erachtet. Letztlich ist das persönliche Interesse ausschlaggebend für die Lehrkräfte und ihre Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsthemen.