Luthers Invocavitpredigten und die Wittenberger Stadtreformation
Luther's Invocavit Sermons and the Wittenberg City Reformation
Projektdauer:
31.10.04 bis 30.09.10
Kurzinhalt:
1983 hat der Projektleiter in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel eine zuvor unbekannte fragmentarische Überlieferung (Nachschrift) der sog. "Invocavitpredigten" Luthers entdeckt, die Luther nach seiner Rückkehr von der Wartburg im März 1522 in Wittenberg gehalten hat und die hinsichtlich ihrer Wirkung einen Brennpunkt der Reformationsgeschichte markieren. Der Textfund wurde 1990 in einem Aufsatz bekannt gemacht, eine kritische Edition stand jedoch aus.
In Kooperation mit Prof. Neil R. Leroux Ph. D., Professor für Rhetorik an der University of Minnesota, Morris, USA, wurde eine Edition des Textes einschließlich einer Übersetzung ins Englische fertiggestellt. Die Edition wird Teil einer gemeinsamen (englischsprachigen) Monographie über die Wittenberger Stadtreformation 1521/22 und Luthers Invocavitpredigten sein, deren Abfassung in Arbeit ist.
Ergebnis:
Der Projektleiter konnte über den neuen Textfund nachweisen, dass die Drucküberlieferung der Invocavitpredigten (Erstdruck 1523) nicht, wie zuvor undiskutiert unterstellt wurde, den Originalwortlaut der Invocavitpredigten darstellt, sondern dass diese zwischen Predigtsituation und Drucklegung von unbekannter Hand bearbeitet wurden, unter anderem wurden Anspielungen auf die lokalen Wittenberger Verhältnisse reduziert und politisch möglicherweise unerwünschte Aussagen gestrichen oder abgeschwächt.
Diese Beobachtungen geben Anlass, eine Untersuchung der Rhetorik der Invocavit-Predigten, mit denen Luther nach seiner Rückkehr von der Wartburg die "Wittenberger Unruhen" gestoppt und die "Ordnung" wieder hergestellt haben soll, in eine Neudarstellung der ersten Wittenberger Stadtreformation (1521/22), die der Führung des abwesenden Luther entglitten war, einzubetten, wobei der Projektleiter an eigene frühere Publikationen anknüpfen kann. Die bisherige theologische Analyse der Invocavitpredigten war einseitig am Motiv "Freiheit und Ordnung" interessiert; eine Neuanalyse zeigt eine viel breitere Vielfalt der Motive, Themen und Argumentationsmuster Luthers auf. Dabei wird Luther, der sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit der Reichsacht in einer politisch brisanten Situation befand, auch als Diplomat sichtbar, der bereits beim Predigen auch abwesende Rezipienten im Auge hatte.